Geschichte der Wohnbaugenossenschaften in der Schweiz
Von der Wohnungsnot um 1890 bis zu den Quartieren von heute, in fünf Epochen und in allen Landesteilen. Jede Angabe nennt ihre Quelle; die Beispiele sind aus den Datensätzen gezählt.
Gründungsjahre
Die 493 Wohnbauträger in den Datensätzen, die ein Gründungsjahr veröffentlichen, nach Jahrzehnt ihrer Gründung.
Die Anfänge 1860–1918
Die Städte wachsen mit der Industrie, Wohnungen sind knapp und teuer. Erste gemeinnützige Gesellschaften und Selbsthilfegenossenschaften bauen zu Selbstkosten und vermieten an ihre Mitglieder.
14 der erfassten Genossenschaften stammen aus dieser Zeit, zusammen mit mindestens 7'080 Wohnungen.
- Deutschschweiz: älteste Aktiengesellschaft für Erstellung billiger Wohnhäuser in Winterthur (GEbW) (1872); grösste Allgemeine Baugenossenschaft Zürich ABZ (5'160 Wohnungen)
Für das Tessin haben wir aus dieser Zeit keine Gründung und keinen Entscheid gefunden, den eine Quelle belegt.
1872
Gemeinnütziger Wohnungsbau in Winterthur
In Winterthur wird die Aktiengesellschaft für Erstellung billiger Wohnhäuser (GEbW) gegründet. Sie ist eine gemeinnützige Aktiengesellschaft, keine Genossenschaft, und vermietet bis heute preisgünstige Wohnungen: der älteste Wohnbauträger in den Datensätzen dieses Verzeichnisses.

Quellen: gebw.ch
1889
Wohnungsnot und Selbsthilfe
Im Sommer 1889 sind in Bern fast 100 Familien obdachlos; die Stadt baut als erste in der Schweiz mit Steuergeld Wohnungen. Ab 1890 gründen Mieterinnen und Mieter aus dem Mittelstand die ersten Selbsthilfegenossenschaften: Die Mitglieder bauen zu Selbstkosten und vermieten die Wohnungen an sich selbst.
Quellen: swissinfo.ch
1892
Eine der ersten Zürcher Baugenossenschaften
Die Zürcher Bau- und Wohngenossenschaft wird gegründet, um gesunden und preiswerten Wohnraum zu schaffen und zu erhalten.
Quellen: zbwg.ch
1907
Zürich beginnt mit der Wohnbaupolitik
Die Stadt Zürich beginnt, den Wohnungsbau zu fördern. Hundert Jahre später, 2007, feiern Stadt und Wohnbaugenossenschaften gemeinsam 100 Jahre städtische Wohnbaupolitik.
Quellen: mehralswohnen.ch
1916
Die ABZ entsteht
Die Allgemeine Baugenossenschaft Zürich wird gegründet. Sie gehört heute zu den grossen Wohnbaugenossenschaften der Stadt.
Quellen: abz.ch
Zwischen den Kriegen 1919–1941
Nach dem Ersten Weltkrieg kehrt die Wohnungsnot zurück. Bund, Kantone und Gemeinden helfen mit Geld und Land; der Dachverband entsteht, und bei Basel, in Genf und in Lausanne werden grosse Genossenschaften gegründet.
58 der erfassten Genossenschaften stammen aus dieser Zeit, zusammen mit mindestens 28'772 Wohnungen.
- Deutschschweiz: älteste Eisenbahner-Baugenossenschaft Bern (1919); grösste Familienheim-Genossenschaft Zürich (FGZ) (2'292 Wohnungen)
- Romandie: älteste Société Coopérative d'Habitation Genève (SCHG) (1919); grösste Société coopérative d'habitation Lausanne - SCHL (2'319 Wohnungen)
Für das Tessin haben wir aus dieser Zeit keine Gründung und keinen Entscheid gefunden, den eine Quelle belegt.
1919
Ein Verband und viele Gründungen
Der Verband entsteht, der heute Wohnbaugenossenschaften Schweiz heisst. Im selben Jahr werden die Siedlungsgenossenschaft Freidorf in Muttenz, die Société Coopérative d'Habitation Genève und die Eisenbahner-Baugenossenschaft Bern gegründet.

Quellen: housinginternational.coop · freidorf-muttenz.ch · schg.ch
1920
Eine grosse Genossenschaft in Lausanne
In Lausanne entsteht die Société Coopérative d'Habitation Lausanne. Ihr erstes Projekt ist die Gartenstadt Prélaz, 1921 in acht Monaten gebaut, mit 60 Wohnungen auf dem ersten Baurecht der Stadt Lausanne.
Quellen: vd.ch
1923
Die Siedlungen der Zwanzigerjahre
Nach dem Ersten Weltkrieg herrscht wieder Wohnungsnot. Bund, Kantone und Gemeinden helfen mit Baubeiträgen, günstigen Darlehen und Bauland; viele Baugenossenschaften entstehen, vor allem in der Deutschschweiz. 1923 ist der Dorfplatz der Siedlung Weissenstein in Bern fertig. 41 der erfassten Wohnbauträger wurden in den Zwanzigerjahren gegründet.

Quellen: swissinfo.ch
Krieg, Nachkrieg und Hochkonjunktur 1942–1970
Ab 1942 fördern Bund, Kantone und Gemeinden den Wohnungsbau mit Subventionen. Nach dem Krieg baut der Bund die Mietzinskontrolle schrittweise ab; die Genossenschaften finanzieren sich mit Bürgschaften und bauen auch Hochhaussiedlungen. 1970 fordert vor allem die Romandie ein Recht auf Wohnung.
208 der erfassten Genossenschaften stammen aus dieser Zeit, zusammen mit mindestens 46'438 Wohnungen.
- Deutschschweiz: älteste Baugenossenschaft Glattal Zürich (1942); grösste FAMBAU Genossenschaft (3'000 Wohnungen)
- Romandie: älteste Mon Logis Coopérative d'habitation (1948); grösste Logement idéal - Société coopérative (1'532 Wohnungen)
1942
Subventionen im Krieg und danach
Zwischen 1942 und 1947 unterstützen Bund, Kantone und Gemeinden den Wohnungsbau mit Subventionen. 109 der erfassten Wohnbauträger wurden in den Vierzigerjahren gegründet.
Quellen: sg.ch
1955
Mieterschutz knapp verworfen
Nach dem Krieg führt der Bund die Mietzinskontrolle der Kriegswirtschaft befristet weiter, mit dem Ziel, das Wohnungswesen wieder dem Markt zu überlassen. Die Volksinitiative «zum Schutz der Mieter und Konsumenten», die die Preiskontrolle weiterführen will, scheitert 1955 nur am Ständemehr.
Quellen: swissvotes.ch
1956
Bürgschaften für gemeinnützige Bauten
Baugenossenschaften und Banken gründen die Hypothekar-Bürgschaftsgenossenschaft hbg. Sie verbürgt nachrangige Hypotheken, sodass gemeinnützige Bauten bis 90 Prozent der Anlagekosten belehnt werden können; bis 2015 hat sie über 250 Bauvorhaben unterstützt.
Quellen: bwo.admin.ch
1959
Ein Haus für ältere Menschen in Lugano
Tessiner Frauenvereine setzen sich ab 1959 für ein genossenschaftliches Wohnhaus für ältere Menschen ein. 1972 öffnet die Residenza Emmy in Lugano: Ein- und Zweizimmerwohnungen zu moderater Miete.
Quellen: rsi.ch
1960er-Jahre
Hochhäuser und grosse Siedlungen
Die Eisenbahner-Baugenossenschaft erstellt in den 1960er-Jahren die Siedlung Häberlimatte und baut später weitere Siedlungen und Hochhäuser, sodass die Wohnungen auch für ärmere Arbeiter erschwinglich sind.
Quellen: swissinfo.ch
1970
Ein Recht auf Wohnung?
Die vom Mouvement Populaire des Familles lancierte Volksinitiative «Recht auf Wohnung und Ausbau des Familienschutzes» scheitert mit 48,9 Prozent Ja knapp. Mehr als die Hälfte der Unterschriften kommt aus der Romandie; Basel-Stadt, die Waadt, Neuenburg und Genf stimmen mit über 68 Prozent zu.
Quellen: swissvotes.ch
Ein Verfassungsauftrag und neue Genossenschaften 1971–1999
Seit 1972 steht die Wohnbauförderung in der Bundesverfassung; das Gesetz von 1974 und der Fonds de Roulement finanzieren gemeinnützige Bauten, die Waadt erhält ihr eigenes Wohnungsgesetz. In den 1980er- und 1990er-Jahren entstehen in Zürich und Genf neue, oft selbstverwaltete Genossenschaften.
82 der erfassten Genossenschaften stammen aus dieser Zeit, zusammen mit mindestens 11'744 Wohnungen.
- Deutschschweiz: älteste Baugenossenschaft Udligenswil (1971); grösste Stiftung PWG (2'538 Wohnungen)
- Romandie: älteste Fondation Rencontre (1975); grösste Coopérative Cité Derrière (1'600 Wohnungen)
- Italienische Schweiz: älteste Residenza Emmy Società Cooperativa (1972); grösste Alloggi Ticino SA (1'376 Wohnungen)
1972
Wohnbauförderung in der Verfassung
Mit 58,5 Prozent und in allen Kantonen nehmen die Stimmenden den Gegenentwurf des Parlaments zur Förderung des Wohnungsbaus an. Die Volksinitiative mit einem Wohnbaufonds scheitert mit 28,9 Prozent.
Quellen: swissvotes.ch
1975
Ein Bundesgesetz für preisgünstigen Wohnraum
Das Wohnbau- und Eigentumsförderungsgesetz vom 4. Oktober 1974 tritt in Kraft, und das Bundesamt für Wohnungswesen nimmt seine Arbeit auf. Im selben Jahr entsteht der Fonds de Roulement, aus dem gemeinnützige Bauträger zinsgünstige Darlehen erhalten.
Quellen: bwo.admin.ch · housinginternational.coop
1975
Ein Wohnungsgesetz für die Waadt
Am 9. September 1975 erhält die Waadt ihr Wohnungsgesetz (loi sur le logement). Mit ihm unterstützt der Kanton Bau, Erneuerung und Betrieb von Wohnungen im öffentlichen Interesse; es bleibt die Grundlage seiner Wohnpolitik.
Quellen: vd.ch
1981
Selbstverwaltete Häuser
In Zürich wird die Wogeno gegründet, als Antwort auf die Immobilienspekulation und aus der politischen Bewegung der 80er-Jahre. Ihre Häuser verwalten die Bewohnerinnen und Bewohner selbst.
Quellen: wogeno-zuerich.ch
1990
Gemeinsam an den Kapitalmarkt
Die Emissionszentrale für gemeinnützige Wohnbauträger EGW wird gegründet, eine Genossenschaft mit Sitz in Olten. Sie gibt unter eigenem Namen Anleihen heraus, im Auftrag und auf Rechnung ihrer Mitglieder.
Quellen: finews.ch
1994
Neue Genossenschaften in der Romandie
In Genf wird die Codha gegründet, eine gemeinnützige Genossenschaft für Menschen, die anders wohnen wollen: gemeinsam und mitbestimmt.
Quellen: codha.ch
Neue Quartiere und Ziele seit 2000
Das Wohnraumförderungsgesetz von 2003 löst das alte Gesetz ab. Kantone und Städte setzen sich Ziele für den gemeinnützigen Anteil, Genf, Zürich und die Waadt mit eigenen Gesetzen und Abstimmungen. Neue Genossenschaften bauen ganze Quartiere.
131 der erfassten Genossenschaften stammen aus dieser Zeit, zusammen mit mindestens 1'658 Wohnungen.
- Deutschschweiz: älteste GAWI – Genossenschaftliches Wohnen in Itingen BL (2000); grösste Baugenossenschaft mehr als wohnen (158 Wohnungen)
- Romandie: älteste Société coopérative de construction et d'habitation B22 (2003); grösste Primavesta, société coopérative d'utilité publique (271 Wohnungen)
- Italienische Schweiz: älteste Cooperativa abitativa VIV INSEMA (2012)
2003
Das Wohnraumförderungsgesetz
Am 1. Oktober 2003 tritt das Wohnraumförderungsgesetz in Kraft. Es löst das Gesetz von 1974 ab und fördert unter anderem den gemeinnützigen Wohnungsbau.
Quellen: bwo.admin.ch
2007
Genf: ein Fünftel gemeinnützig
Seit 2007 gilt in Genf das Gesetz über den Bau gemeinnütziger Wohnungen (LUP). Es verlangt heute, dass der Kanton durch Bau und Kauf einen Bestand gemeinnütziger Wohnungen von 20 Prozent der Mietwohnungen bildet.
Quellen: silgeneve.ch
2007
Kalkbreite und mehr als wohnen
Im Juni wird die Genossenschaft Kalkbreite gegründet, im Dezember die Baugenossenschaft mehr als wohnen, eine Genossenschaft der Zürcher Genossenschaften, zum Jubiläum von 100 Jahren städtischer Wohnbaupolitik.
Quellen: mehralswohnen.ch · cdn.swiss-arc.ch
2011
Ein Drittel bis 2050
Die Stimmberechtigten der Stadt Zürich verankern in der Gemeindeordnung: Bis 2050 soll ein Drittel aller Mietwohnungen gemeinnützig und damit preisgünstig sein.
Quellen: stadt-zuerich.ch
2014
Wohnen über dem Tramdepot
Ab April ziehen rund 240 Menschen in den Neubau der Genossenschaft Kalkbreite, der über einem Tramdepot steht.

Quellen: srf.ch
2015
Ein Quartier der Genossenschaften
Das Hunziker Areal von mehr als wohnen in Zürich ist fertig: 13 Gebäude, in denen rund 1'200 Menschen wohnen.

Quellen: zuerich.com
2017
Eine Sektion für die italienische Schweiz
Die Tessiner Sektion von Wohnbaugenossenschaften Schweiz wird gegründet. Genossenschaften sind im Tessin seltener als in der übrigen Schweiz; in Lugano und im Mendrisiotto entstehen neue.
Quellen: cdt.ch
2018
Die Waadt schützt ihre Mietwohnungen
Nach einer Volksabstimmung im Februar 2017 tritt am 1. Januar 2018 das Waadtländer Gesetz zur Erhaltung und Förderung des Mietwohnungsbestands (LPPPL) in Kraft. Es fördert unter anderem gemeinnützige Wohnungen.
Quellen: vd.ch
2020
Zehn Prozent gemeinnützig?
Die Volksinitiative «Mehr bezahlbare Wohnungen» will, dass mindestens 10 Prozent der neuen Wohnungen gemeinnützig gebaut werden. Sie scheitert am 9. Februar 2020 mit 42,9 Prozent Ja; Mehrheiten findet sie in grösseren Städten und in Basel-Stadt, Genf, Neuenburg, der Waadt und im Jura.
Quellen: swissvotes.ch
Heute
Ein kleiner Teil, in Zürich ein grosser
Rund vier bis fünf Prozent der Wohnungen in der Schweiz gehören Genossenschaften. In der Stadt Zürich ist fast ein Viertel der Wohnungen gemeinnützig (Stand 2019).
Quellen: swissinfo.ch